Alles eine Frage der Flexibilität

Alles eine Frage der Flexibilität

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Process Worldwide | 09/15/2017 | Editor: Dominik Stephan

So wird Anlagenflexibilität zum Energie-Sparschwein! – Sich für den Stromverbrauch bezahlen lassen, klingt verrückt. Doch Flexible Power und Demand Side Management sollen die Produktion zur hochflexiblen Stütze des Stromnetzes werden lassen. Dabei haben die Entwickler besonders die Chemie im Blick – und eine Chlorproduktion macht vor, wie es geht.
 
Die Energiewende wird zur Herausforderung: Die hohe Fluktuation von Wind- und Sonnenstrom und der schwankende Verbrauch fordern enorme Flexibilität von Energieerzeugern, Netzbetreibern und Großverbrauchern. Was tun, angesichts begrenzter Speicherkapazitäten? Natürlich sind die Kraftwerke gefragt: Flexibel regelbar zum Ausgleich von Spannungsspitzen oder stabil zur Bereitstellung der Grundlast – aber was ist mit den Verbrauchern? Demand Side Management (DSM, auch Laststeuerung) heißt das Konzept, bei dem diese kurzfristig ihren Energiebedarf anpassen, um das Netz zu entlasten und gefährliche Frequenzabweichungen zu verhindern.
 
Dass das bei Klimaanlagen oder Wärmepumpen funktioniert, leuchtet ein. Was aber ist mit der Industrie? Immerhin ist diese für etwa 41 Prozent des deutschen Stromverbrauchs verantwortlich. Tatsächlich ließen sich auch industrielle Prozesse mit etwa 10 Gigawatt mit Laststeuerung flexibilisieren, ist sich die Deutschen Energie-Agentur Dena sicher. Als Anreiz dienen Preisnachlässe oder Vergütungen. Dabei lohnt es sich, nach großen Verbrauchern Ausschau zu halten – daher haben die Spezialisten ein Auge auf die energieintensive Chemieindustrie geworfen. Doch bis jetzt verwahren sich Anlagenbetreiber gegen die ihnen zugedachte Rolle als „Puffer der Energiewende“. Bis jetzt.
 
2017 macht eine Branche Schlagzeilen, die bisher vor allem durch hohen Verbrauch auffiel: Vestolit, Betreiber der größten integrierten PVC-Produktion Europas stellt seine Chlor-Alkali-Elektrolyse in den Dienst der Primärregelleistung. Möglich macht das eine Entwicklung der DSM-Spezialisten Restore: Die FlexPond-Plattform erlaubt es, Verbraucher zu einem smarten Netzwerk zusammenzuschließen und den Energiebedarf jederzeit an die Netzfrequenz anzupassen. Diese Zusammenarbeit betritt dabei in mehrfacher Hinsicht Neuland: Nicht nur, dass mit der Chlor-Elektrolyse ein notorischer Energiefresser zum Strom-Sparschwein wird, auch zeige das Projekt in Deutschland erstmals, dass der Einsatz industrieller Lasten in der Primärregelleistung zusätzliche Erlöse generiert und zu geringeren Energiekosten führt.
 
Dafür ist es höchste Zeit: Schon heute kommt es zu lokalen Energie-Engpässen oder -Überangeboten, die es erforderlich machen, laufende Kraftwerke vom Netz zu nehmen. Jetzt soll die Unberechenbarkeit der Stromerzeugung mit der Steuerung der Verbraucher ausgeglichen werden. Dabei geht es nicht um große Strommengen. Schon ein kurzzeitiges Anheben oder Absenken der Last kann helfen, unkontrollierte Ausschläge der Frequenz zu stabilisieren. Geregelt wird diese erste Verteidigungslinie der Netzbetreiber zentral von dem Verbund der zentraleuropäischen Übertragungsnetzbetreiber ENTSO-E (European Network of Transmission System Operators for Electricity). Die Industrie soll die Flexibilität bereitstellen, die die Stromerzeuger fordern, ohne ihre eigentliche Aufgabe – die Produktion von Gütern –zu vernachlässigen. Das klappt nur dann, wenn die Auswirkungen in der Produktion möglichst wenig spürbar sind.
 
„Zum ersten Mal liefert eine Technologiefirma in Deutschland Primärregelleistung aus einem Portfolio industrieller Großverbraucher“, so Dirk Rosenstock, VP Sourcing & Sales bei REstore Deutschland. „Primärregelleistung ist sehr anspruchsvoll: Anlagen müssen in der Lage sein, innerhalb von 30 Sekunden zu reagieren, um Netzschwankungen auszugleichen.“
 
Und das Beispiel macht Schule: So hat REstore im Sommer 2017 ein erstes Nichteisen-Metallwerk als Kunden gewonnen. Auch ein großer Stromspeicher ist jetzt Teil des Pools – sogar hier schafft die Kombination mit anderen industriellen Verbrauchern einen Mehrwert. Dabei ist es gerade der Poolgedanke, der Kunden überzeugt, ist sich Rosenstock sicher. Gemeinsam sei man eben flexibler als jeder Betrieb in der Rolle eines Einzelkämpfers.           
 

Im Gespräch mit Dirk Rosenstock, VP Sourcing & Sales, REstore
FLEXIBILITÄT GARANTIERT

 

Welche Produkte und Dienstleistungen bietet REstore industriellen Kunden?
 
DIRK ROSENSTOCK: Wir identifizieren flexible Energieleistung unter Berücksichtigung der Marktchancen, der Prozessbeschränkungen und der Anlagenumgebung. Wir installieren unsere Echtzeitverwaltung und verknüpfen diese mit den flexiblen Stromleistungen anderer Kunden. So können wir garantieren, dass unser Service den Anforderungen der Netzbetreiber entspricht. Die meisten Industriekunden wären einzeln und für sich genommen nicht in der Lage, direkt auf dem Markt anzubieten. Dabei tragen wir den Großteil der Kosten und teilen die Einnahmen.
 

Wie funktionieren flexible Energie-Lösungen für industrielle Produktionsanlagen in der Praxis?
 
ROSENSTOCK: Ein Beispiel: Vor Ort auf dem Betriebsgelände wird unser Schaltschrank mit einer SPS und einem Frequenzmesser installiert. Die SPS, die mit unserem zentralen System kommuniziert, erhält regelmäßig die aktuellen Einsatz-Szenarien und berechnet die kurzen, erforderlichen Leistungsänderungen, wann immer eine Frequenzabweichung auftritt. Diese Leistungsänderung wird als Anforderung an das Automatisierungssystem weitergegeben, wo die Entscheidung getroffen wird, ob die Maschinen entsprechend gesteuert werden oder nicht. Wenn die Anlage sich nicht beteiligen kann, hilft ein anderes Poolmitglied aus. So hat der Betreiber immer die volle Kontrolle.
 

Lohnt sich der Aufwand? Welche Einspar- oder Effizienzpotenziale können Betreiber anzapfen?
 
ROSENSTOCK: Abgesehen von einem guten Gewissen sind zusätzliche Einnahmen in der Größenordnung von 40 000 bis 180 000 Euro brutto pro flexiblem Megawatt und Jahr möglich. In Zeiten, in denen bereits eine Vielzahl von Energieeffizienz-Maßnahmen vorgenommen wurde, ist das ein durchaus namhafter Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit.

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